Medellín, Kolumbien, Stadtteil El Poblado, 24 Grad, Nachts. Das Viertel erwacht. Die Straßen sind laut und bunt, überall riecht es nach Marihuana und Frühling. Ein betrunkener Brite Mitte Zwanzig taumelt in eine Seitenstraße, fernab des Treibens auf dem Plaza. Ihm folgt eine Frau, knapper Rock, bauchfreies Oberteil, etwas älter als er. Die Nachtschicht hat begonnen. Der Mann stolpert über einen Stein, er ist sehr betrunken, fängt sich aber wieder.

Frau: „Is alright here?“

Mann: „Yeah..yeah ’s fine. You wan‘ some beer?“

Frau: „No.“

Mann: „Oi you wanna see the tattoo I got tonight?“

Die beiden begeben sich in den Vorgarten eines Reihenhauses, sind zwei Schatten zwischen den Palmen. Dumpfe Bässe eines Techno-Clubs in der Parallelstraße, kolumbianisches Reaggaton von der anderen Seite vermischen sich mit dem Stöhnen des Mannes. Irgendwo heulen die Polizeisirenen. Plötzlich hektisch:

Frau: „What happen?“

Mann: „Ohh alright, I just thought, um.. I dunno. Keep going. Yeah“

Frau: „And you have money enough?“

Mann: „Yeah yeah sure. Keep going“

Frau: „Give money now“

Die beiden fangen an zu diskutieren. Es wird klar, dass der junge Mann kein Geld mehr bei sich trägt.

Frau: „Hijo’eputa! Perro! Ahh díos. Fucking gringo. Fuck you, fuck you! You have cocaina? Give me you cocaina!“

Sie fuchtelt in der Kleidung des Mannes herum. Dieser wirkt passiv, zu benommen, als dass er sich verteidigen kann. Die Frau scheint nichts zu finden. Furios, verzweifelt steckt sie ihm den Finger in die Nase, in der Hoffnung auf einen letzten Rest des weißen Pulvers. Sie saugt daran, unbefriedigt, schubst ihn weg und rennt davon.

 

Vorbildlich, Republik!

Kolumbiens Erfolgsgeschichte zeichnet ein ehemals in Guerillas, Paramilitärs und ohnmächtige Zivilgesellschaft aufgeteiltes Land, das endlich den langersehnten Weg Richtung Frieden gefunden hat. Vor allem im Vergleich zu seinem Sorgennachbar Venezuela wirkt Kolumbien wie der Entwicklungsexperte schlechthin. Die Wirtschaft boomt. Die Regierung ist zufrieden. Subventionen und die liberale Kehrtwende haben die gewünschte Wirkung gezeigt.

Individuelle Reisende aus aller Welt strömen in die Yoga-Resorts der Küstendörfer auf der Suche nach Selbstfindung. Genauso wie achtzehnjährige, altruistische Abiturienten. Sie kommen ins Land mit einer Mission: helfen. Den Straßenhunden, den Aussätzigen, den Analphabeten. Man hat mehrere hundert Euro an ein Unternehmen in Deutschland gezahlt um auf der anderen Seite der Welt Schildkröten zu retten.
Nach und nach machen amerikanisch geführte Hostels in einstigen Tabuzonen auf. Traditionelle Musik wird von den DJs salonfähig gemacht, man hört jetzt cumbia electronica in den Technoclubs. Kolumbien ist the place to be, das weiß man jetzt.

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Medellín, Stadtteil Centro, 30 Grad, Später Nachmittag. Alessandro ist Ende 27 und wütend. Der Italiener steht am Straßenrand einer Schnellstraße in der Innenstadt. Auch nach drei weiteren Versuchen findet er noch immer keinen Taxifahrer, der ihn in ein gewisses Viertel fahren will. Gewisses Viertel wurde auf die Rückseite eines Kassenbons gekrizelt.
„All pussys“, stöhnt er und lässt den Blick über den Highway schweifen.
Jemand hat am Vormittag in gewissem Viertel einen Militärbus in Flammen gesetzt und ein Taxi zerschlagen, jetzt wird der Stadtteil gemieden. Die Medien machen die Guerillas verantwortlich, diese weisen das jedoch von sich. Einige im Viertel sind der Meinung, es waren die Paramilitärs selbst, um die Stimmung gegen die linken Gruppen anzuheizen.
Nach zwei Tagen wird das Thema wieder vergessen sein, es gibt Wichtigeres; eine weitere Trockenphase, Shakira kommt nach Baranquilla, einer von Pablo Escobars Elefanten ist gestorben, dafür hat das Hippo jetzt Kompanie.

Endlich findet sich in Risikobereiter. Das knappe Nicken zeigt, er weiß Bescheid. Kunden wie Alessandro hat er immer mal wieder, ein routinierter Prozess. Er fährt ein paar Ecken ab und hält schließlich mitten auf der Straße. Auf den Bürgersteigen sind junge Männer zu sehen, teils allein, teils in Gruppen. Einer nähert sich dem Taxi. Alessandro steigt aus, die beiden gehen zum Straßenrand. Die Taxitür bleibt offen.
Plötzlich pfeift ein dunkelhäutiger Mann am Ende der Straße und winkt hektisch mit den Armen. Das Taxi fährt mit quietschenden Reifen los, Alessandro hat es noch rechtzeitig herein geschafft. Gott sei Dank auch, heute war nämlich er an der Reihe mit den Besorgungen, seine beiden Mitbewohner würden das sonst immer übernehmen.

 

Im Schatten der Palme

Es ist Fluch für die einen, Spaß für die anderen. Kokain in Kolumbien hat seine Kosten. Nicht wohl in Geldwerten, es gibt kaum einen besseren Ort für den Großeinkauf. Mit Nebeneffekten, die über die körperlichen Entzugserscheinungen hinaus gehen: Da sind Kinderheime für drogenabhängige Mädchen unter 14 Jahren oder leerstehende Einkaufzentren mit verlorenen Seelen. Da sind Schattenseiten, die das positive Wirtschaftswachstum nicht erfolgreich verdecken kann.

Medellín wird in Kolumbien auch die Stadt des ewigen Frühlings genannt. Die immer grünen Gärten, hohen Palmen und bunten Häuser lassen einen schnell vergessen, dass man sich in der ehemaligen Hauptstadt der Kokainindustrie befindet. Doch das Geld bringen, auch nach der Zeit des großen Koksgeschäfts, immer noch die reichen Amerikaner und Europäer. Davon lenken altruistischen Alternativakrobaten mit Backpack nicht ab.

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Medellín, Stadtteil El Poblado, 26 Grad, Nachts. Es sei das beste Hostel ganz Medellíns. Da wo es schwer ist ein Bett zu bekommen, weil es immer schon ausgebucht ist und die Leute dann so lange bleiben, bis ihre Visa irgendwann auslaufen. Das Rooftop ist gefüllt mit lauten, braun gebrannten Australiern und verhalteneren, weißen Deutschen. Es läuft deep house und die Gläser auf den Palettentische zwischen der Sofawiese beben leicht im Takt der Bässe. Je später die Nacht, desto offener sind die Menschen, desto lauter, derber, freier.
Jemand kommt die Treppe zur Dachterrasse hoch, zwei Gäste folgen ihm. Sie schmeißen sich auf die zu volle Couch. Es wird gelacht, gescherzt, flüchtige, aber innige Bekanntschaft geschlossen. Man wird sich gut amüsieren, gegenseitig seine dunkelsten Geheimnisse erzählen, über Gott und die Welt philosophieren und nach zwei Tagen nie wieder sehen. Aber auf Facebook, da bleibt man befreundet.

Die Gruppe Neuangekommener rollt einen Joint und gibt ihn in der Runde herum. Das hier sei Chris, Brite, und Claire, Australierin. „Colombia“, sagt Chris theatralisch und stellt sein Bier ab, „is one fucking amazing place“ Alle nicken zustimmend. Dann bestaunen sie Chris‘ neues Tattoo, ein Faultier direkt über seiner Leiste.

Chris wird ruhiger, Joints hätten bei ihm immer diese befangene Wirkung. Er erzählt von seinem Studium, Spanisch und Italienisch im Bachelor. Seine Familie denkt, er mache eine Studienreise, und ja, er hatte es auch eigentlich anders geplant alles, wollte schon seit ein paar Monaten wieder zuhause sein. Aber England sei auch so grau und verregnet, immer dunkel. Die Menschen alle so depressiv. Naja. Immerhin wäre es bei ihm noch nicht so schlimm wie bei diesen drei Italienern. Die seien ja komplett hängen geblieben, jeden Tag Koks und Nutten. Echt bitter.

Irgendwer fragt, ob man zusammen aufs Klo wolle. Chris zögert kurz, fährt sich mit der Hand über die Kopf als wische er die Zweifel weg, sagt: „Fuck it, why not“, und geht.