Dass unser Handy sich zum lebensnotwendigen Zusatzorgan avanciert hat, ist mittlerweile allgemein anerkannt. Kein Urlaub, kein Tag auf der Arbeit, nein auch kein Toilettengang scheint mehr richtig zu funktionieren ohne unseren viereckigen kleinen Begleiter. Dieser wiederum braucht aufwendige Pflege: Nahrung in Form von Internetvolumen und Batterie, persönliche Daten für seine Pflegeeltern, Google und Facebook, und ganz, ganz viel Liebe.

Was jedoch passiert, wenn man zum kalten Entzug gezwungen wird? Unsere Autorin hat den Selbstversuch gemacht. Damit meine ich natürlich mich selbst, ich wollte aber immer schon professionell in der dritten Form von mir reden.

Wie alles begann

Es kam schleichend. Mein Bildschirm hatte die von Iphonebesitzern gefürchtete Spideroptik angenommen. Ich hatte mich jedoch schnell daran gewöhnt und entschlossen so weiter zu leben. Vielen Handybesitzern geht es so: Die Kosten für eine Operation sind einfach zu hoch und die Beeinträchtigung noch ertragbar, ein bisschen vergleichbar mit dem amerikanischen „Krankensystem“.

Ich sah es also kommen: den Tag, an dem das kleine Dingen endgültig seinen Geist aufgeben sollte. Tatsächlich hatte ich es versucht selbst zu operieren und mithilfe eines im Internet bestelltem Bildschirms wieder lebensfähig zu machen. Dies war jedoch kläglich gescheitert – ich hatte es getötet. Und damit auch einen Teil von mir selbst.

Die Folgen des kalten Entzugs sind brutal

Endlich, es ist schon eine Woche her, kann ich offen darüber reden und verdränge es nicht mehr. Die ersten Tage waren hart: Schweißausbrüche, Isolationsgefühle, Angstzustände. Ständig griff ich ins Leere, immer noch konditioniert auf meinen treuen Begleiter. Die Smoothies schmeckten nicht mehr so gut, waren sowieso zu teuer, dafür dass niemand meinen trendy lifestyle bei Instagram sehen konnte.

Ich spürte, dass ein Teil von mir fehlte. Außerdem war ich selbst daran Schuld. Nachts lag ich wach, mein schlechtes Gewissen ließ mich nicht schlafen. Ich surfte zu lange im Internet, stoß auf zwielichtige Foren und überlegte kurz mich aus Unwohlsein einer Protestpartei anzuschließen. Dort würde es mehr besorgte Bürger geben, Menschen die mich verstehen könnten.

Den Gedanken verwarf ich und stürzte mich stattdessen in den Alkohol. „Du schaffst das.“ sagte ich mir als Mantra immer wieder. Richtig glauben tat ich es nie. Wäre mein Handy doch nur da, dann würde ich mir eine Meditations-App runterladen. Um einfach mal abzuschalten. Also mich, nicht mein Handy, das ist ja weg. Alles erinnerte mich an mein früheres Leben: die nutzlosen Ladekabel neben dem Bett, die leere Schutzhülle, die Smoothies..

Ich kann wieder lachen

Jetzt nach Tagen des kalten Entzuges, muss ich sagen: Mir geht es wieder besser. »Gut« würde ich es nicht nennen, dafür ist zu viel passiert. Es wird wohl nie wieder wie früher (außer ich hab endlich mal genug Kohle für ein Neues). Aber das ist auch okay so, ich lerne das Leben von einer anderen Seite kennen. Ich kann wieder lachen. Außerdem habe ich mir ein Buch gekauft, das ich vielleicht sogar lese.

Gestern ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass ich Nachbarn habe. Und heute, dass mein Mitbewohner eine Katze besitzt. Man bekommt wieder mehr mit. Das Wetter in Hamburg ist echt mies und die vielen Kleinkinder anstrengend.

Es gibt nur wenig Gleichgesinnte, die unter diesen Bedingungen, so ohne Handy, leben. Machen es freiwillig, sagen sie. Meistens sind sie komisch. Ab und zu muss ich den Platz wechseln, wenn jemand in meiner Umgebung sein Handy rausholt. Das kann ich noch nicht wieder. Nicht nach so kurzer Zeit.