Die Menschen lesen nicht mehr. Lesen ist out. Redakteure werden nicht mehr gebraucht, Autoren werfen den Stift hin, Kolumnisten gehören der Vergangenheit an. Bibliotheken sind erklärtes Kulturgut einer vergangenen Epoche und können von großen Gruppen fotografierender Chinesen besichtigt werden. Bücher dienen nur noch als Brennmaterial oder Dekoration alternativer Sammler. Von der Digitalisierung, dem Wandel überrannt. Disruptive Technologie hieß ihr Todesurteil.

Diagnose: Es ist einfach zu viel. Zu viele Buchstaben, zu viele Wörter, zu viel Text. Der Mensch von heute hat keine Zeit für so viel Text. Ein Bild, das ist es, was zählt. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Kein Text kommt gegen tausend Worte pro Sekunde an.

Symptome: Gereiztheit. Überanstrengung. Langeweile. Ein Text verursacht all dies. Man muss sich über mehr als drei Minuten konzentrieren, kostbare Zeit zum Lesen opfern. In drei Minuten kann man viele Bilder angucken, ganz viele kurze Tweets, und Instagramstories.

Ganz zu schweigen von diesen Büchern: Ganze Stunden gehen verloren. Mitunter Tage. Nur für ein Buch, das stelle man sich mal vor! Dass der Mensch von früher das mitgemacht hat. Heute ist das viel einfacher, da bekommt man fast jede Geschichte komprimiert in einem Film. Oder Serien. Serien sind die Bestseller von gestern.

Therapie: Loslassen. Akzeptanz. Neustart. Bloß keine Nostalgie, so etwas nennt sich industrieller Umbruch und gehört zur Geschichte der Menschheit dazu. Immerhin kann man den Enkelkindern erzählen, man war dabei, man habe sie erlebt, die Epoche des Papiers. „Wow, was ist das?“ werden diese ungläubig fragen und sich staunend über diese Sache namens Magazin beugen. Man wird in kleinen Cafés mit Gleichaltrigen sitzen und in Nostalgie verfallen, wenn irgendwer eine alte Zeitung aus der Tasche holt. Dann werden sich alle bewusst, dass man alt ist und bald sterben wird. Es folgt depressives Schweigen.

Vorbeugen: Gegen die Melancholie ankämpfen, indem man bloggt, postet, teilt, tweetet, liked, snappt, verlinkt, hochlädt, runterlädt, auflädt und klickt, klickt, klickt. Anklicken gegen die Depression. Anklicken gegen die Vergangenheit. Jeder Klick ist ein Schritt in die Zukunft. Und ein Schritt weg von der Realität. Warum sich dort aufhalten, wenn es in der Paralleltwelt Filter für mehr Glitter und Glamour gibt?

Und vielleicht folgt ja die technologische Utopie.