Ich habe heute einen einsamen Freitag. Und das obwohl ich jung bin. Und in Hamburg. Optimale Voraussetzungen also für einen Freitag, der mit zwei Stempeln auf der Hand und einem soßendurchtränkten Döner enden könnte. Und sogar sollte. Das hat der Imperativ der Jugend so vorgesehen.
Der Imperativ der Jugend möchte, dass ich mit der Gruppe fremder Briten jetzt in das Karussell steige und danach kotze. Oder nach zwei durchgemachten Nächten mit dumpfen Kater ins Auto nach Amsterdam/Paris/Tokyo steige und unterwegs kotze. Dem Imperativ ist es dabei vollkommen egal, ob ich kotze oder nicht. Hauptsache ich sage nicht »nein«. »Nein« ist nämlich das Todesurteil des Imperativ der Jugend – und die Geburt des Imperativ des Altseins.

Und da ich »nein« gesagt hab zu den lustigen Optionen für diese Nacht, sitze ich nun hier rum mit dem Imperativ der Jugend an meiner Seite, und tippe.

Langsam fange ich es an zu bereuen. Die Stimmung ist angespannt, der Imperativ beobachtet mich unentwegt. Er hat die Augenbrauen hochgezogen, ab und zu kräuselt er die Lippen. Der Blick ist unmissverständlich: Soll das dein Ernst sein? Als ich mir einen Tee gekocht habe, stöhnte er genervt. Als ich es mir mit einer Packung Schokolade und „Wer wird Millionär“ gemütlich machen wollte, lachte er sogar laut auf. Und das war kein Mit-mir-lachen, nein, es war hämisch und verächtlich. Und was ist, wenn ich die ganze Nacht vor dem Fernseher durchmache?, frage ich ihn. Er schlürft nur an seinem Wodka-Mate.

Zwei mal hatte mich der Imperativ fast dazu überredet, das tippen sein zu lassen, schnell zu duschen, und loszugehen. Seine Überredungskünste sind ziemlich gut, müsst ihr wissen. Ich bin ihm meistens unterlegen und mache was er sagt. Deswegen sind die Anderen auch schon alle weg: der Imperativ der Verantwortung war der erste. Danach legten sich der Imperativ der Vernunft und der Jugend an. Die beiden haben sich eh nie so gut verstanden, waren einfach zu konträr.

Ich bekomme langsam Kopfschmerzen. Was ich denn machen soll, schrei ich ihn an, jetzt ist ist eh schon zu spät, draußen regnet’s und es ist mitten in der Nacht. Selbst Schuld, schreit er zurück, ich hätte ja nicht auf ihn gehört.

Wir liefern uns ein Wortgefecht, ich will die Tasse nach ihm werfen, doch er ist schnell. Ich bin so sauer. Noch nicht mal Spießertum kann ich. Und alles wegen dem blöden, nervigen Imperativ der Jugend. Je länger ich ihn anstarre, desto nervöser wird er.

Plötzlich bricht er in Tränen aus. Ich habe sofort Mitleid. Das wollte ich doch auch nicht. Er zittert richtig. Was sei denn jetzt los, frage ich. Ja, schluchzt er, mittlerweile merke er, es könne auch seine Zeit gekommen sein. So wie ich mich verhielte, das sei alles so ungewohnt. Immerzu Tee, langweilige Quizzshows und keine Zigaretten. Er wüsste ja auch nicht, wie lange er noch bei mir bleiben dürfe. Er habe einfach Angst.
Ich verstehe nun und nehme ihn in den Arm. Das werde doch noch lange nicht passieren. Demonstrativ zünde ich mir eine Zigarette an, und dann noch eine. Ich bete ihn, eine Selbsthilfegruppe für Hypersensibilität zu besuchen. Denn ich habe ihn sehr lieb und garantiert nicht vor fallen zu lassen.

Wenn er das hier liest, glaubt er mir auch hoffentlich.