Ich bin Perfektionistin. Das heißt nicht, dass ich in allem perfekt bin. Oder in manchem perfekt bin. Oder in überhaupt irgendwas. Ich kann zwar verdammt gut nichtsnutzig herumliegen, mich da aber als perfekt zu bezeichnen, wäre anmaßend gegenüber den vielen anderen nichtsnutzigen Herumliegern.

90, 60, 90

»Perfektionismus« ist dieses ausgegoogelte Laster für unkreative Bewerber in Jobinterviews. Denn sie möchten produktiv und nicht menschlich wirken, und sind dabei allenfalls berechenbar. Perfektionismus ist der Grund für unbezahlte Überstunden, aufeinander abgestimmte Hund-Herrchen-Bekleidung und ausgebrannte Lebenskrisen. Perfektionismus ist eigentlich die größte Selbstverarschung, die wir uns antun können. Nie sind wir so perfekt unperfekt.

Pudel vor Elphi

Und es sind nicht immer nur Individuen. Auch Städte zeigen den neurotischen Hang zur kollektiven Profilierung. Sie bauen dann große Flughäfen oder Opernhäuser, mit dem Ziel diese größer als andere Flughäfen oder Opernhäuser zu bauen. Städten fällt es im Vergleich zu Menschen jedoch nicht so schwer bei perfektionistischen Zielen gelegentlich bis häufig zu versagen. Sie setzten dafür abartig hohe Plankosten an und verfehlen diese mit noch abartigeren Endkosten. Und als Konsequenz wird die Investition in die Flüchtlingshilfe öffentlich angeprangert. Moral in bittersüßen Widersprüchen.

Perfektionismus ist also alles in allem eine ziemlich lästige Sache. Vor allem dann, wenn man sich Berufe aussucht, die niemals als perfekt zu erfüllen sind, so objektiv gesehen. Schreiben zum Beispiel. Oder Regieren. Oder Malen. Ich hätte den Fettfleck auch weg gewischt.

Tipps zur Problemlösung

Und so beschloss ich einen Nachmittag Unperfektionistin zu werden und scheiterte nach einer Stunde. Dann beschloss ich eine andere Methode und diese erweist sich bisweilen als erfolgreich. Sie geht so: Man steht auf, nimmt die Messlatte und setzte sie zwei Niveaustufen tiefer an. Nie wieder Versagensängste und Komplexe – Perfektionismus wird Realismus. Praktisch sind damit jedoch einige Lebensumstellungen verbunden. Beispielsweise darf man nur noch Anfängerkurse besuchen, auch wenn man schon seit Jahren Vollprofi ist. Ist man normalgewichtig, sollte man an der Weightwatchers Sitzung teilnehmen, um mal zu zeigen, wie es richtig geht. Ist man fett, natürlich nicht. Verkannte Gegenwartsliteratur darf man nur noch in Goethe Instituten verfassen, umgeben von Menschen die bei Verbkonjugationen ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Auf ein Bier wohin gehen, bedeutet es auf dem Bahnhofgelände zu trinken, und Ulli zu beten, er möge doch bitte auf einen anderen Rucksack pinkeln. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, kann auch in ein unperfekteres Land emigrieren, beispielsweise Österreich. Und die es richtig perfekt machen wollen gehen nach Syrien, das einzige was man da vermeiden muss, ist tot sein, und schon ist man Überlebenskünstler. Und wer will schon nicht Künstler sein.