Ich sitze an einem großen Tisch. Vor mir sitzt die Zukunft und starrt mich düster an. Sie wartet. Ich weiß nicht genau worauf.

»Willst du mir endlich sagen, wie ich zu sein habe?«, fragt sie gereizt.

»Kann ich leider nicht.«

»Wie, kannst du nicht? Wer kann das dann?«

Ich deute ein entschuldigendes Lächeln an. Vielleicht kann ich es auf das Schicksal schieben, das Universum oder so. Oder die Politik. Ich bekomme das Gefühl, das bringt nichts. Die Zukunft ist Realist.

»Ich-«

»Sag ich doch!«, sie haut auf den Tisch, »Nur DU! Ich hab’ langsam keinen Bock mehr! Ich muss mich ständig ändern. Erst soll ich sicher sein, dann plötzlich frei, dann riskant, mutig«, sie beugt sich nach vorne, »Wir hatten dieses Gespräch schon so oft! Entscheide dich doch endlich mal.«

Als sie mein ratloses Gesicht sieht, wird sie aggressiv. Ungewissheit kann sie gar nicht haben.

»Mein Gott! Vor 85 Jahren hättest du noch nicht mal wählen gehen können! Und jetzt steht dir alles offen, also wo ist dein beschissenes Problem?« Sie holt einen Globus unter dem Tisch hervor und dreht ihn wild. »Ich kann sein, WO du willst! Mexiko, Malibu, Madrid!«, ihre Stimme wird hysterisch, »Letztens wolltest du mich doch noch in Madrid! Ich kann sogar auf dem Mond sein! Irgendwie kriegen wir das schon hin! Willst du auf den Mond?«, sie schleudert den Globus vom Tisch, »Oder willst du mich daheim? Willst du mich politisch? Feministisch, aktivistisch? Links, rechts, progressiv, konservativ, sag doch mal was! Unternehmerisch? An der Uni? Freiberuflich?« Ich fange an zu weinen. »Ich weiß es nicht-«, die Zukunft tobt; »Ich kann hübsch und trendy werden! Das wollt ihr Frauen doch! Ich kann familiär sein, wie wär’s mal mit Kindern, hm!? Kein Problem, entscheid dich einfach dafür! Ach ne, ihr macht ja jetzt alle Karriere! Ich kann erfolgreich werden!«, sie wirft wild mit Geldscheinen und Kreditkarten durch die Luft, »Erfolgreich und reich! Das will doch jeder! ENTSCHEIDE DICH!“ Plötzlich steht die Zukunft auf und-

Es gibt kein Ende. Die Anekdote verhält sich wie die Zukunft selbst: ungewiss in ihrem Ausgang. Aber es stimmt, sie und ich haben ein angespanntes Verhältnis. Sie will ständig wissen, wie sie zu sein hat, ich habe keine Ahnung, sie schreit, ich heule, sie dreht durch, ich gebe auf. Letztens hat sie mich so lange geschüttelt, bis ein Passant irgendwann eingreifen musste. Die Vergangenheit ist da viel entspannter, seufzt ab und zu nostalgisch, meistens aber ist sie ruhig.

Entscheidungen und Zukunft sind ja gewissermaßen wie Mutter und Kind; das eine wird aus dem anderen geboren. Ich bin aber erst Anfang zwanzig, das ist noch viel zu früh zum Muttersein. Und würde die Zukunft mal ein bisschen mehr Zeitung lesen, dann hätte sie mitbekommen, dass unsere Generation ziemlich schlecht im Entscheiden ist. Ihr das zu erklären bringt aber nichts, sie findet Generationsartikel albern. »Ich finde nicht nur Generationsartikel albern, sondern auch diesen Artikel hier«, die Zukunft ist wieder da, »ja,ja, „die Zukunft ist wieder da“, kannst jetzt aufhören mit den wörtlichen Zitaten und dich mit mir beschäftigen«, schimpft die Zu- »Alteeer« Ja, ruhig, ich hör ja schon-